Meine Famulatur in der Radiologie

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Seit ich das erste Mal mit in einen OP durfte, wollte ich Allgemeinchirurgin werden. So lag die Entscheidung nahe meine erste Famulatur auf einer chirurgischen Station zu absolvieren. Nach wenigen Tagen war mir jedoch klar, dass die Chirurgie und ich doch nicht so richtig zusammenpassen wollten. Der Klinikalltag war mir zu hektisch, die Visiten zu oberflächlich, die Operationen zu blutig. Auf der Suche nach einer Fachrichtung die besser zu mir passt, bin ich durch die verschiedenen Bereiche rotiert und schließlich in der Radiologie hängen geblieben. Dort gefiel es mir so gut, dass ich mich entschied, eine fünfzehntägige Famulatur komplett der Radiologie zu widmen.

Meine Wahl fiel dabei auf eine relativ kleine Radiologieabteilung in einem Duisburger Krankenhaus. Einerseits wurde ich dort schon bei meinen Schnuppertagen im Frühjahr sehr herzlich aufgenommen, andererseits arbeitet dort nur eine Oberärztin, sodass ich immer einen konkreten Ansprechpartner hatte. In vorherigen Famulaturen ist es mir schon öfter passiert, dass ich hin und her geschickt wurde, wodurch ich mich teils fehl am Platze fühlte. Die Abteilung, in der ich famuliert habe, widmet sich primär der konventionellen Radiologie, also der Diagnostik. Zusätzlich wird dort die periradikuläre Therapie, das heißt Schmerzbehandlungen an der Wirbelsäule, durchgeführt. Die Arbeitszeit ist wie auf Station von 7.30 bis 16.30 Uhr, da jedoch die Unfallchirurgen vorher das Arztzimmer besetzen, musste ich erst zwischen 8.00 und 8.30 Uhr da sein. Auch das Ende konnte sehr flexibel abgesprochen werden, je nachdem, ob es noch spannende Fälle zu besprechen gab.

Vom ersten Tag an habe ich mich in der Radiologie sehr wohl gefühlt. Ich hatte das Glück, dass die Oberärztin sich wirklich viel Zeit für mich genommen hat. So hatte sie an meinem ersten Tag extra spannende Fälle aus den letzten paar Wochen herausgesucht, um zu zeigen, dass Radiologie mehr ist, als 100 Röntgen-Thorax am Tag zu befunden. Beispielsweise durfte ich mir die CTs von einem Patienten angucken mit einer riesigen Raumforderung von über 20cm Durchmesser im Bauch. Natürlich kommt so ein Patient nicht jeden Tag vor, aber bei mir hat er seinen Zweck erfüllt – ich war fasziniert!

Radiologie ist für mich ein bisschen, wie Detektiv spielen oder ein Puzzle zu lösen. In der Anforderung stehen, wenn man Glück hat, Hinweise über den Patienten, wie beispielsweise Zustand nach Nephrektomie, damit der Radiologe nicht verzweifelt die Niere suchen muss, die schon längst nicht mehr im Patienten ist, oder Angabe zu den Beschwerden, wie akut einsetzender Oberbauchschmerz. Mit diesen mal mehr oder weniger ausführlichen Angabe, werden dann die Bilder angeschaut: fällt irgendwas direkt ins Auge, wie der riesige Tumor, den wahrscheinlich jeder Laie als „nicht gesund“ erkennen würde, oder ist es etwas unauffälligeres, wie Entzündungszeichen des Darmes oder ein geschwollenes Pankreasorgan. Ein weiteres Puzzleteil sind die Laborwerte, beispielsweise ob das CRP, ein Entzündungsmarker, erhöht ist oder nicht. Zusätzlich kann noch der anfordernde Kollege kontaktiert werden, um zu überprüfen, ob oder inwiefern eine anhand des CT gestellten Diagnose mit dem Ultraschallbefund übereinstimmt.

Was ich super fand, ist der große Lernfortschritt, den man in der Radiologie merkt. Die ersten Tage habe ich noch relativ unkoordiniert auf CT-Aufnahmen geschaut, bin immer von links nach rechts gesprungen, in der Hoffnung, dass irgendetwas ins Auge fällt, was meistens nicht so gut geklappt hat. Doch je mehr Aufnahmen man sieht, desto mehr lernt man das „richtige gucken“. Die Oberärztin hat mir den Tipp gegeben, sich ein Schema zu überlegen, nach dem man die Bilder anschaut, um routiniert zu werden und nichts zu übersehen. Allgemein hatte ich von der ärztlichen Betreuung riesiges Glück. Ich durfte so viele Fragen stellen, wie ich wollte. Auch wenn ich zum wiederholten Male Projektionen des Schulterblattes als Pneumothorax gedeutet habe, hatte ich nie das Gefühl, deswegen belächelt zu werden. Jede Linie, die ich in Bilder hineingesehen habe, wurde mir erklärt, sodass ich beim nächsten Mal vorbereitet war. Und das kann ich wirklich nur jedem raten, egal in welcher Famulatur, Pflegepraktikum oder ähnlichem: Stellt so viele Fragen, wie nur möglich, denn man kann nur Dinge verstehen und sich merken, wenn man sie versteht, als einfach Tatsachen zu akzeptieren, dass das keine Pneumonie ist.

Als mein persönliches Fazit kann ich sagen, dass die Radiologie für mich sehr reizvoll ist. Ich kann nachvollziehen, dass es nicht jedermanns Sache ist, den ganzen Tag nur auf Bildschirme zu starren, aber für mich ist es mehr als das. Man arbeitet viel mit den verschiedensten Fachrichtungen zusammen und steuert so einen großen Teil dazu bei, Diagnosen aufzustellen oder zu bestätigen, auch wenn man für den Patienten eher im Hintergrund agiert. Außerdem war Anatomie schon in der Vorklinik eines meiner Lieblingsfächer, was man in der Radiologie definitiv beherrschen muss. Dafür ist der Patientenkontakt in der konventionellen Radiologie eher gering. Es gibt jedoch auch Krankenhäuser, in denen neben der konventionellen Radiologie auch operative Eingriffe durch die Radiologen vorgenommen werden und dementsprechend Stationsbetten vorhanden sind, wo der Patientenkontakt wieder mehr im Vordergrund steht. Was ich schade fand ist, dass man die Geschichte der meisten Patienten nicht mitverfolgen kann. Man sieht eine Momentaufnahme und beschreibt diese, die Konsequenz daraus für den Patienten bekommt man jedoch nur mit, wenn man explizit die behandelnden Ärzte später danach fragt.

Eure Myriam

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