Diskussion: Die Zukunft der Bibliothek

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Ein Dialog mit Bibliothekaren auf der Frankfurter Buchmesse 2016 über neue Trends zukünftiger Bibliotheken in Deutschland und den Niederlanden

Die Diskussion über die Zukunft der Bibliothek wurde von Bibliothekaren und anderen Fachleuten während der Buchmesse 2015 ins Leben gerufen. Obwohl das Thema nicht neu ist und im Internet (z.B. #futurelib) und in der Literatur bereits ausgiebig diskutiert worden ist, gibt es noch viele unbeantwortete Fragen und neue Herausforderungen zu behandeln. Das Thema in 2015 behandelte die Frage „Is the data-librarian the future of library science?“ und diskutierte mit den Teilnehmern die sich verändernden Arbeitsanforderungen an Bibliothekare und welche Rolle diese beim zukünftigen Umgang mit Daten spielen werden. Die Folgediskussion mit Kurt de Belder (Universität Leiden) und Mathias Bornschein (Fachbibliothek Umwelt, Umweltbundesamt) fand auf der Frankfurter Buchmesse 2016 statt. Hinsichtlich digitaler Formen des Verlagswesens erfahren Bibliothekare komplexe Veränderungen, neue Kundenbedürfnisse und andauernde wissenschaftliche Herausforderungen. Deshalb konzentrierte sich die Debatte bei der zweiten Diskussionsrunde auf Themen wie Digitalisierung, Transparenz sowie auf Veränderungen am äußeren Erscheinungsbild von Bibliotheksgebäuden. Da die Niederlande und Flandern das übergeordnete Thema der letzten Frankfurter Buchmesse bildete, wurden je ein Vertreter der Länder Niederlande und Deutschland eingeladen. Es zeigten sich in der Diskussion Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen bestehenden Trends und Entwicklungen an deutschen und niederländischen Bibliotheken, wo wir folgende Punkte herausstellen möchten:

  • Ein „Bibliothekar der Daten“ zu sein, wird nur eine der vielen unterschiedlichen Facetten dieses zukünftigen Berufsbildes ausmachen.
  • Bibliothekare benötigen sowohl Kommunikations- als auch Führungsfertigkeiten ebenso wie Erfahrungen im Training und Marketing.
  • Fertigkeiten im Management und bei der Analyse großer Datenmengen werden die Berufsmöglichkeiten für Bibliothekare steigern.
  • Bibliotheken werden natürlich künftig einen zunehmend virtuellen Charakter bekommen.
  • Bibliotheken werden zu sozialen Anlaufstellen (z. B. als Treffpunkt).
  • Das physische Buch wird sicherlich weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Bibliotheksgebäudes bleiben.

Mathias Bornschein, verantwortlicher Bibliothekar für Elektronische Ressourcen, hebt im Anschluss an die Podiumsdiskussion folgendes hervor: „Ich habe eine Menge über die Unterschiede zwischen einer Bibliothek auf dem STM Sektor (Science, Technology and Medicine – Naturwissenschaft, Technik und Medizin) und der Bücherei einer Universität der Geisteswissenschaften gelernt. Ich glaube, bei einer wissenschaftlichen Bibliothek geht es zukünftig nicht mehr länger nur um Bücher. Bereits heute wird meine Arbeit bei der Fachbibliothek Umwelt des Umweltbundesamtes (UBA) längst nicht mehr über Bücher oder gedruckte Zeitschriften definiert. Das physische Buch und gedruckte Zeitschriftensammlungen machen lediglich einen kleinen Teil meines Tagesgeschäfts aus. Natürlich kann ich immer noch durch großartige Bibliotheken in Dessau, Berlin oder Bad Elster gehen und mir ein Buch herausgreifen oder durch die Regale zum Thema Umwelt stöbern. Den größten Teil meiner Zeit jedoch verbringe ich damit, neue Tools zu lehren, Lizenzen auszuhandeln oder Wissenschaftlern dabei zu helfen, Informationen so schnell wie möglich in der benötigten Art und Weise zu beschaffen. Und meiner Meinung nach wird genau dies die Zukunft einer wissenschaftlichen Bibliothek im STM-Sektor ausmachen. Viele Leute befürchten, dass die gedruckten Bibliothekssammlungen eines Tages aus unseren Gebäuden verschwinden werden und die Bibliothek, wie wir sie kennen, aufhören wird zu existieren. Ich jedoch glaube, dass die Bibliothek auch in Zukunft noch ein Ort bleiben wird, wo Leute die Arbeit erledigen und Antworten auf ihre Fragen finden können. Es könnte gut sein, dass es sich nicht um die Antwort auf eine Frage nach dem Standort eines bestimmten Buches handelt, sondern dass es um Vervielfältigungsrechte, Datenbanken oder die Verbesserung der eigenen Forschung, dass es also um Inhalte geht. Weil sich die Welt im STM-Sektor in den letzten Jahren sehr verändert hat, glaube ich, dass dies passieren muss, und Bibliotheken sich in den nächsten Jahren stärker verändern werden. Gedruckte Bücher oder gedrucktes Material werden nicht mehr länger die Bedeutung behalten, die sie einst hatten. Benutzer und Wissenschaftler wollten auf neue Art an ihre Inhalte gelangen, auf elektronischem Wege. Sie brauchen einen Zugang rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. Und sie wollen Informationen exportieren: nach Mendeley, EndNote oder Zotero. Darüber hinaus wollen Sie natürlich die Funktion „Kopieren und Einfügen“ nutzen. Weil sich all dies gerade ändert, glaube ich, dass die Bibliothek sich ebenfalls ändern muss. In Zeiten von Google und Bing nehmen wir nicht mehr nur die Rolle des „Pförtners des Wissens“ ein, sondern können an der Seite unserer Benutzer stehen. Dabei können Bibliothekare unterstützen, an die richtigen Inhalte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu gelangen. Wir benötigen Anleitung über die richtigen Inhalte, zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Deshalb habe ich keine Zukunftsängste, weil es genau das ist, worum es bei einer typischen Bibliothek bisher gegangen ist und was auch die Bibliothek der Zukunft ausmachen könnte: ein Ort zu sein, wo Leute miteinander in Kontakt treten, zusammenkommen und gemeinsam arbeiten können. Und zwar dort, wo jegliche Information auf jede mögliche Art verfügbar ist.“

Zusatzinformation über die Diskussionsteilnehmer 2016:

Kurt de Belder ist Direktor der Universitätsbibliotheken von Leiden. Er verfügt über einen breiten und internationalen Erfahrungsschatz bei einer Reihe von prominenten Universitäten, einschließlich der Stanford University, der University of California in Berkeley, der New York University, der Amsterdam University und der Leiden University. Bezüglich der Einführung, der Verbesserung und bei Innovationen von Arbeitsprozessen in Forschungsbibliotheken verfügt er über einschlägige Erfahrungen. Hauptsächlich ist er Experte für wissenschaftliche Kommunikation, digitales Bibliothekswesen, elektronische Veröffentlichungen und E-Learning.

Mathias Bornschein arbeitet beim deutschen Umweltbundesamt als Bibliothekar für elektronische Ressourcen. Er hat einen Abschluss als B.A. im Bibliotheksmanagement. Seine Kernkompetenzen sind Medien und Informationsdienste.

Die Grafik (unten) zeigt die „bildliche“ Zusammenfassung der Diskussion wurde von dem Live-Zeichner Thomas Müller erstellt.

Die dargestellten Personen auf dem Foto (oben) sind (von rechts nach links):
Mathias Bornschein (Bibliothekar, Fachbibliothek Umwelt, Umweltbundesamt), Kurt de Belder (Direktor der Leiden University Libraries), Georg Holzach (Moderator).