Auslandssemester Prag – Magen-Bypass und Baumstriezel

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Seit nun circa zehn Wochen mache ich mein Auslandssemester in Prag, der Hauptstadt Tschechiens. Hier ist es ganz wunderbar und ich habe auch schon viele Patienten gesehen – von einem Fall möchte ich euch gerne berichten.

„Dobry den“, nuschele ich und betrete das Patientenzimmer. Ein, milde ausgedrückt, unangenehmer Geruch empfängt mich und ich widerstehe dem Drang, ruckartig alle Fenster aufzureißen. Stattdessen atme ich flacher und nähere mich dem Patientenbett. Frau Z., eine 57-jährige Patientin, liegt seit einer Woche auf der endokrinologischen Station des Universitätsklinikums der Charles University in Prag. Sie spricht nur Tschechisch, wohnt eigentlich in einem kleinen Dorf einige Kilometer von der Hauptstadt Tschechiens entfernt und wurde mit einem entgleisten Diabetes mellitus in die Klinik eingeliefert. Seit einigen Wochen mache ich mein ERASMUS-Semester hier in Prag und schummele mich mit grauenhaftem Tschechisch und annehmbarem Englisch durch das Praktikum. Eigentlich ist das Studium hier vergleichbar mit dem in Köln. In Blöcken rotieren wir durch die Kliniken, haben morgens „Lectures“ und nachmittags angeleitete Praktika auf den unterschiedlichen Stationen. Ich habe mich für ein Semester in Prag entschieden, weil die Charles University eine der ältesten Universitäten Europas ist und die First Faculty of Medicine einen ausgezeichneten Ruf hat. Jan Purkinje entdeckte hier die nach ihm benannten Zellen des Gehirns und Einstein formte laut eigenen Aussagen in Prag seine Gedanken zur Relativitätstheorie.

„Seit wann sind Sie denn so… dick?“, frage ich und spüre praktisch, wie meine Professoren, die mir die einfühlsame Patientengesprächsführung beigebracht haben, sich die Hände vor die Stirn klatschen. Doch Frau Z. lächelt mich an und sieht unschlüssig an sich herab, als prüfe sie, welches Kilogramm Fett zu welchem Zeitpunkt dazugekommen ist. „Darling“, sagt sie und lächelt mich an „ich war nie eine Elfe.“ Eine richtige Antwort ist das jetzt nicht. Ich kann schlecht auf meine Patientenvorstellung schreiben, „Patientin gibt an, noch nie eine Elfe gewesen zu sein.“ „Ich war als Kind schon recht moppelig. Und dann wurde ich älter, habe zwei Kinder bekommen und mit den Schwangerschaften kamen dann auch die Kilos. Tja und jetzt bin ich hier.“ Frau Z. versucht, ihre Hände vor der Brust zu falten. Doch es gelingt nicht, die Massen an Fett an ihren Armen und ihrem Bauch hindern sie daran. „Wie viel wiegen Sie jetzt?“, frage ich. Ich habe das Gefühl, es ist am besten, die Fragen direkt und ehrlich zu stellen. „Ich wiege jetzt 262,2 kg. Das ist Höchststand, wissen Sie.“ Im Kopf überschlage ich, dass Frau Z. bei gleicher Größe ungefähr ziemlich genau fünf Mal so viel wiegt ich. Ich kommentiere ihr Gewicht nicht und sehe sie ein wenig verunsichert an. „Das ist viel zu viel. Das weiß ich. Vielleicht lasse ich mir einen Magen-Bypass legen. Oder ein Magenband. Aber die Ärzte sagen, dass das vielleicht nicht geht, weil ich Herzrhythmusstörungen habe.“ Resigniert starrt sie an die Decke. Frau Z. ist 57 Jahre alt, sie hat zwei Kinder und ein Enkelkind. Aufgestanden ist sie seit zwei Jahren nicht mehr. Sie kann sich nicht alleine waschen, nicht allein zur Toilette gehen und als sie ins Krankenhaus gebracht werden musste, spürte sie zum ersten Mal seit Jahren das Sonnenlicht auf ihrer Haut. Neben ihrem Bett steht ein zweites, sie liegt irgendwie in der Mitte, auf der Ritze dazwischen, weil ein Bett allein ihr Gewicht nicht aushalten kann. Kein Arzt muss ihr erklären, dass sie zu viel wiegt – Frau Z. ist sich dessen mehr als bewusst. Als ich sie vorsichtig nach ihrer Lebensqualität frage, sieht sie mir direkt in die Augen – „Zero“, sagt sie nur. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter. 50% des Gewichts werden durch Umweltfaktoren und Lifestyle beeinflusst. Ganze 50% sind aber genetisch bedingt und können von uns nicht beeinflusst werden. Das finde ich ganz schön viel. Adipositas ist eine Krankheit – definiert durch einen Body-Mass-Index von über 30 kg/m2. Die Krankheit und ihre Komplikationen können tödlich enden. Wenn ich an Frau Z. denke, die nicht mehr aufstehen und sich kaum bewegen kann, erscheint mir das mehr als logisch.

Noch vier Monate lang werde ich in Prag studieren. Ich bin dankbar, für diese Chance, für neue Erfahrungen und – genau wie in Deutschland – über jeden Patienten, der seine Geschichte mit mir teilt und mit dem ich etwas lernen kann. Sicher werde ich mich an Frau Z. noch eine Weile erinnern und noch viele Menschen treffen, die mit Gewichtsproblemen zu kämpfen haben. Als ich das Krankenhaus an diesem Tag verlasse und in die Mensa gehe, wähle ich einen Salat und verzichte auf meinen sonst so geliebten Nachtisch. Ich bin normalgewichtig, habe nie Probleme mit meinem Gewicht gehabt, ich liebe Sport und wahrscheinlich habe ich ganz passable Gene. Dafür bin ich heute dankbar und erlaube mir ganz eventuell doch noch ein „Trdelnik“ – ein Baumstriezel, der in Prag an jeder Ecke verkauft wird.

Eure Wibke

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